Fazit
Dieses Forschungsprojekt untersucht die Forschungsfrage, welche Rolle E-Scooterdienste als Baustein für multimodale Mobilität in Nordrhein-Westfalen spielen können. Multimodalität beschreibt die flexible Nutzung verschiedener Verkehrsmittel und gilt als vielversprechender Ansatz für eine nachhaltige Verkehrsentwicklung. Sie trägt dazu bei, dass das nicht-nachhaltige Automobil seltener und für kürzere Distanzen genutzt wird (Nobis, 2007). Frühere Studien (Shaheen & Cohen, 2021) zeigen zudem, dass die Nutzer neuer Mobilitätsdienste als hochgradig multimodal gelten. Mit der Beantwortung dieser Forschungsfrage verfolgt die Metastudie zwei Hauptziele:
- die Versachlichung der oft emotionalisierten Debatte um neue E-Scooterdienste durch empirische Befunde zu fördern und
- zur Weiterentwicklung der sozial-ökologischen Verkehrs- und Mobilitätswende in NRW im Sinne der Multimodalität beizutragen.
Die vorliegende Story Map stellt vor diesem Hintergrund eine stark verkürzte und vereinfachte Aufbereitung der Ergebnisse der Metastudie dar, die wie folgt zusammengefasst werden können:
Status Quo
- Angebotsstrukturen Das gegenwärtige Angebot von E-Scooterdiensten ist räumlich begrenzt. Von den 150 größten Städten haben nur etwas mehr als ein Viertel der Städte ein E-Scooterangebot. Ein „Zoom In“ in die Städte zeigt, dass auch vor Ort das Angebot räumlich begrenzt ist; die Anbieter sich nicht an den administrativen Grenzen der Städte orientieren, sondern vor allem in den hochverdichteten Kernstädten lokalisieren lassen. Das ist insofern ein Problem, weil eine Verkehrs- und Mobilitätswende ein entsprechendes flächendeckendes Angebot überhaupt erst voraussetzt. Die Analyse zeigt darüber hinaus, dass das qualitativ hochwertigste Angebot vor allem den ökonomisch prosperierenden Städten vorbehalten ist.
- Öffentlicher Diskurs: E-Scooterdienste werden negativer bewertet Das räumlich begrenzte Angebot ist auch über einen negativen öffentlichen Diskurs zu E-Scooterdiensten zu erklären. Im Kern sind aus dem öffentlichen Diskurs drei Kritiklinien zu entnehmen: i) Fehlende Rentabilität in kleineren Städten und fehlende Alternativen. ii) Symbolische Abwertung durch Fokus auf User-Fehlverhalten statt fehlender Infrastruktur. iii) Politisch-restriktive Maßnahmen (Mitnahmeverbote, Gebühren), die ein flächendeckendes Angebot verhindern.
- Wissenschaftlicher Diskurs Es zeigt sich mithilfe einer systematischen Literaturanalyse wissenschaftlicher Studien, dass E-Scooterdienste zwar aus vielen verschiedenen Perspektiven erforscht werden, eine analytische Vertiefung mit dem Multimodalitätskonzept kaum Gegenstand der Forschung ist. Wissenschaft fungiert daher an dieser Stelle bis dato kaum als Korrektiv.
Multimodalitätspotenziale I: Die User
- Grünes umfangreiches Mobilitätsportfolio der User Mithilfe eines vergleichend angelegten Befragungsdesigns lässt sich zeigen, dass User gegenüber Non-Usern deutlich multioptionaler mit Mobilitätsressourcen ausgestattet sind. Das „Mobilitätsportfolio“ ist zudem deutlich „grüner“, d.h. sie verfügen seltener über einen privaten Pkw, dafür häufiger über eine ÖV-Zeitkarte.
- User mit hoher Affinität zu vielen Verkehrsmitteln Die Befragung zeigt außerdem, dass User viele Verkehrsmittel in positiver Weise symbolisch-emotional aufladen; vor allem die E-Scooterdienste selbst. Hierzu gehört aber auch, dass sie einen hohen Grad an symbolisch-emotionalen Orientierungen hin zum privaten Pkw aufweisen. An dieser Stelle könnten E-Scooterdienste in der Gestalt individueller Kollektivverkehrsmittel eine wichtige Ergänzungsfunktion der traditionellen öffentlichen Kollektivverkehrsmittel einnehmen, die zugleich präventiv mit Blick auf die Nicht-Anschaffung eines Pkws wirkt.
- Hochgradig multimodale Verkehrsmittelnutzung der User Die User neuer E-Scooterdienste präsentieren sich im Alltag als hochgradig multimodale Personengruppen. Hervorzuheben ist, dass die Art und Weise ihrer Verkehrsmittelkombinationen in der Gegenüberstellung mit Non-Usern häufiger „nicht-autobasiert“ erfolgt.
Multimodalitätspotenziale II: Räumliche Bewegungsmuster
- Der E-Scooter als zeitliche Ergänzung des ÖV Die Nutzungsintensität erhöht sich zu den üblichen Pendelzeiten in den Morgen- und Abendstunden. Gleichzeitig erhöhen sich die Dauer und Länge der Fahrten vor allem in den nächtlichen Stunden, zu den schwach frequentierten Zeiten des ÖV. Somit bieten E-Scooterdienste eine Ergänzung als auch eine Verkehrsalternative zum klassischen ÖV.
- Schließen von räumlichen Verkehrslücken Der E-Scooter dringt in räumliche Bereiche ein, die aufgrund ihrer Lage keinen direkten Zugang zu hochqualitativem ÖV haben und ansonsten auf alternative Verkehrsmittel wie dem Auto angewiesen sind.
- Intermodale Reiseketten zur Erhöhung räumlich-zeitlicher Flexibilität Die Bewegungsdaten zeigen, dass User in durch den ÖV schlecht angebundenen Lagen den E-Scooter als ersten Teil (First Mile) einer intermodalen Reisekette nutzen. Hierdurch gewinnen sie zeitliche Vorteile und neue Möglichkeiten bei der Verkehrsmittelwahl für unterschiedliche Wegezwecke (z.B. Pendelverkehr bei Großveranstaltungen).
Multimodalitätspotenziale III: Strategiegeleitete neue Planungspraxis („Multimodalisierung“)
- Adaptive Planung Die Inblicknahme von Usern und deren Bewegungsmustern verdeutlicht, dass in den E-Scooterdiensten ein großes Potenzial für Multimodalität liegt. Eine integrierte Stadt- und Verkehrsplanung kann multimodale Stadtverkehre jenseits der Autozentrierung fördern, wenn sie den Multimodalitätscharakter der User als Referenzgruppe ernst nimmt und benötigte infrastrukturelle Vorrichtungen in deren Aktionsräume einschreibt.
- Institutionalisierung neuer Akteure Ein multimodaler Verkehrs- und Mobilitätsalltag der Menschen entsteht nicht wie von Zauberhand. Es braucht neue Akteure in der integrierten Stadt- und Verkehrsplanung, die die städtischen Verkehrsabläufe jenseits der Autozentrierung der heutigen Städte neu denken können. Die Landeshauptstadt Düsseldorf hat mit der Gründung der Connected Mobility Düsseldorf einen hoch interessanten Player ins Leben gerufen, der evidenzbasiert die Multimodalisierung der Stadt durch verkehrsinfrastrukturelle Einbettung der E-Scooterdienste vorantreibt.