Multimodalität II: Räumliche Bewegungsmuster der User vor Ort

Um tiefere Einblicke in die Bedeutung von E-Scooterdiensten für eine sozial-ökologische Transformation des urbanen Raumes zu gewinnen, werden die räumlichen Bewegungsmuster der User von E-Scooterdiensten am Beispiel der Landeshauptstadt Düsseldorf analysiert. Grundlage für die Analysen sind jene über das Dashboard der Connected Mobility Düsseldorf GmbH (CMD) bereitgestellten anonymisierten Daten, die alle durchgeführten Bewegungen mit E-Scooterdiensten im Jahr 2023 beinhalteten. Dieser Datensatz enthält für jede einzelne Fahrt Informationen zum Start- und Zielort, Start- und Zieluhrzeit, sowie Länge und Dauer der Fahrt.

Zeitliche Bewegungsmuster

Saisonale Bewegungsmuster: Der Sommer lädt zur E-Scooter-Nutzung ein

Die Analyse der Nutzungsdaten offenbart mit rund 3,6 Millionen registrierten Fahrten einen ausgeprägten saisonalen Trend. Auf ein nutzungsschwaches erstes Quartal folgte im März ein signifikanter Anstieg auf über 300.000 Fahrten. Ein temporärer Rückgang im April, der mutmaßlich mit den Ferienzeiten korreliert, wurde von den starken Sommermonaten abgelöst. Der Zeitraum von Mai bis September wies mit monatlich über 340.000 Fahrten die höchste Nutzungsintensität auf, mit einem Spitzenwert von 385.000 Fahrten im Juni. Mit Einsetzen der kälteren Jahreszeit war ab November ein deutlicher Rückgang auf rund 250.000 Fahrten zu verzeichnen, was auf eine witterungsabhängige Saisonalität der E-Scooter-Nutzung hinweist.

Eventbezogene Bewegungsmuster: Entlastung des öffentlichen Verkehrs bei Großveranstaltungen

Am Beispiel des Monats Juli lassen sich sehr detailliert aufschlussreiche Muster in der Verteilung der E-Scooter-Fahrten in diesem Zeitraum ausdifferenzieren. Es zeigt sich ein klares wöchentliches Muster: Tendenziell sind an den Wochenenden deutlich mehr Fahrten zu verzeichnen, während die Anzahl zu Wochenbeginn, insbesondere montags, deutlich abnimmt. Zur Wochenmitte lassen sich für diesen Monat oft leichte Peaks in den Ausleihzahlen beobachten, meist am Dienstag, bevor es nach einem leichten Rückgang wieder sehr stark Richtung Wochenende zunimmt. Darüber hinaus belegt der Juli eindrücklich, dass große Events die Anzahl der Fahrten signifikant erhöhen. Während der Finals 2023 (6. bis 9. Juli 2023) stiegen die Fahrten beispielsweise deutlich über 15.000 an. Der größte Einfluss ist jedoch durch die Rheinkirmes (14. bis 23. Juli 2023) zu erkennen, die zu einem außergewöhnlichen Anstieg der Fahrten führt. Besonders am 22. Juli, kurz vor dem Ende der Rheinkirmes, wurde mit knapp 20.000 Fahrten der höchste Wert des gesamten Monats erreicht. Mit Abschluss der Großveranstaltung am 24. Juli ist ein deutlicher Rückgang in den Ausleihzahlen zu beobachten. Die Anzahl der Fahrten fällt auf einen der niedrigsten Werte des Monats, bevor sich das Muster langsam wieder einpendelt.

Tageszeitliche Bewegungsmuster:

Unabhängig von saisonalen Trends oder Großveranstaltungen lassen sich auch in der täglichen Nutzung der E-Scooterdienste Muster identifizieren. Je nach Tageszeit oder Wochentag lassen sich deutliche Unterschiede in der Nutzungsintensität feststellen:

Fahrtenanzahl

Die Analyse der Fahrtenanzahl offenbart deutliche Unterschiede im Nutzungsverhalten zwischen Werktagen und dem Wochenende. An den Werktagen ist die Nutzung stark an den täglichen Pendelverkehr gekoppelt. Eine erste Nutzungsspitze wird in der morgendlichen Hauptverkehrszeit zwischen 6 und 9 Uhr erreicht. Nach einem leichten Rückgang zur Mittagszeit steigt die Nachfrage mit dem einsetzenden Berufs- und Feierabendverkehr ab 15 Uhr wieder signifikant an und erreicht das tägliche Maximum zwischen 17 und 18 Uhr. An Samstagen und Sonntagen entfällt die morgendliche Pendlerspitze vollständig und die Hauptaktivität verlagert sich auf den Nachmittag und Abend, wobei der Samstag den Freizeitschwerpunkt bildet.

Fahrtenlänge

Die Analyse der durchschnittlichen Fahrtlängen offenbart signifikante Unterschiede je nach Wochentag und Tageszeit. Tagsüber weisen die Fahrten an Werktagen mit 1,5 bis 1,7 km eine relativ konstante und kurze Distanz auf. Nachts hingegen, zwischen 23 und 5 Uhr, verlängern sich die zurückgelegten Strecken auf bis zu 2,2 km. Dieser nächtliche Anstieg zeigt sich am Wochenende in abgeschwächter Form. Als mögliche Ursache lässt sich das eingeschränkte ÖPNV-Angebot anführen: Der E-Scooter dient dann nicht mehr nur als Zubringer für die „letzte Meile“, sondern fungiert als primäres Verkehrsmittel.

Fahrtendauer

Das Muster der durchschnittlichen Fahrtdauer korrespondiert mit dem der Fahrtlänge. Die längsten Fahrten finden mit bis zu 10,5 Minuten in den verkehrsarmen Nachtstunden statt. Im Gegensatz dazu steht die morgendliche Hauptverkehrszeit, in der die Fahrten mit durchschnittlich 7 Minuten am kürzesten ausfallen. Am Wochenende verlängern sich die Fahrten spürbar und erreichen am Sonntagmittag einen Spitzenwert von 11 Minuten.

Insgesamt lassen sich bei der Dauer und Länge der Fahrten vergleichbare Trends beobachten, die auf ein ähnliches Problem hinweisen: das ausgedünnte ÖPNV-Angebot zu den Randzeiten.

Räumliche Bewegungsmuster

E-Scooterdienste fokussieren die innerstädtischen Lagen

Die bisherige Forschung belegt, dass sich E-Scooter Anbieter vorwiegend auf hochverdichtete, innerstädtische Zonen fokussieren, während periphere Stadtteile unversorgt bleiben – gerade dort, wo E-Scooter mangels alternativer Verkehrsangebote das größte Potenzial entfalten könnten (Quelle). Zur Analyse der räumlichen Verteilung werden zunächst die offiziellen Bediengebiete der Anbieter betrachtet, welche die Zonen für Ausleihe und Rückgabe definieren. Diese Gebietsabgrenzung allein ist jedoch kein hinreichender Indikator für die tatsächliche Fahrzeugverfügbarkeit. Um ein genaueres Bild der lokalen Angebotskonzentration zu erhalten, wird die Analyse daher um die realen Startpunkte aller aufgezeichneten Fahrten erweitert. Die Ergebnisse zeigen, dass die Verteilung der E-Scooter stark auf die innerstädtischen und hochverdichteten Bereiche konzentrieren.

Bediengebiete

Die Abdeckung des Stadtgebiets durch die Bediengebiete der E-Scooter-Anbieter ist hoch, aber heterogen. Auf gesamtstädtischer Ebene haben im Jahr 48 % der Bevölkerung Zugang zu allen vier Anbietern. Weitere 33 % können auf zwei oder drei Anbieter zurückgreifen, und für 14 % ist zumindest ein Dienst verfügbar. Nur ein kleiner Teil der Bevölkerung (5 %) bleibt gänzlich ohne Zugang. Die räumliche Analyse offenbart jedoch ein klares Zentrum-Peripherie-Gefälle. Während die innerstädtischen Bezirke (1, 2, 3, 4, 6, 8, 9) eine nahezu flächendeckende Versorgung von über 97 % aufweisen, sinkt die Abdeckung in den Randlagen. Die Außenbezirke 7 und 10 sind mit 86 % bzw. 90 % zwar noch gut angebunden, doch der Stadtbezirk 5 stellt mit einer Versorgungsquote von lediglich 50 % eine deutliche Ausnahme dar und ist somit stark unterversorgt.

Startorte

Die Verortung der einzelnen Startorte der E-Scooterfahrten auf Ebene der 100 x 100 m Rasterzellen können neben den Informationen zu Aktivitätszonen auch Hinweise zur Verfügbarkeit von Fahrzeugen geben. Hierbei zeigt sich, dass vor allem in den Innenstadtbereichen die meisten Fahrten beginnen. Mehr als 60 % der Fahrten, die 2023 in Düsseldorf getätigt wurden, wurden in den Stadtbezirken 1 und 3 begonnen. Die verbleibenden Fahrten verteilen sich einigermaßen gleichmäßig auf die verbleibenden Bezirke. Auffällig ist allerdings noch ein besonders niedriger Anteil der Ausleihstandorte in den Stadtbezirken 5 (1,6 %) und 10 (0,2 %).

E-Scooterdienste erweitern die Mobilitätsoptionen der Menschen und fördern die multimodale Verkehrsnutzung in Städten

Während zentrale, bereits gut angebundene Stadtteile durch die neuen Angebote noch vielfältiger werden, zeigt sich in den Randlagen ein anderes Bild. Dort, wo das ÖPNV-Netz ausgedünnt ist und die Wege zu Haltestellen länger werden, sind die Bewohner oft auf ÖV-Alternativen angewiesen. Gerade in diesen weniger dicht besiedelten Gebieten können E-Scooter eine wichtige Rolle spielen: sei es als eigenständiges Verkehrsmittel oder als Zubringer zur nächsten ÖPNV-Haltestelle. Die nachfolgende interaktive Karte setzt den Fokus genau auf diese Bereiche. Neben den sogenannten ÖV-Kernzonen – also Bereichen, die durch Bahnhöfe und Haltestellen bereits optimal erschlossen sind – identifiziert diese Analyse sogenannte Zubringer-Räume. Diese Wohn- und Zwischenlagen liegen oft abseits der Haltestellen, verfügen aber über ein E-Scooter-Angebot. Genau hier entfaltet der Scooter sein Potenzial als Lückenschluss zur nächsten Bahnstation. Wie die Beispiele Unterrath (A) und Gerresheim (B) zeigen, betrifft dies oft Wohnquartiere, die zwar nah an Verkehrsachsen liegen, aber keinen direkten Zugang zum Schienennetz haben.

E-Scooterdienste als ÖV-relevantes Verkehrsmittel auf der Ersten und Letzten Meile

Um die Bedeutung der E-Scooter für diese Teilbereiche tiefergehend zu analysieren, werden alle E-Scooter Fahrten untersucht, die in den Zubringer-Räumen gestartet wurden. Insgesamt betrifft dies fast 34.943 Fahrten - das entspricht rund 1 % aller Fahrten in 2023. Zur Vereinfachung dieser Analyse wurden alle Zielorte auf ein 100 x 100 m Raster übertragen. Die Zielorte dieser Fahrten sind recht divers und umfassen eine Vielzahl von Standorten. Allerdings zeigen sich für viele Rasterzellen nur eine Zahl von bis zu 10 Fahrten, die hinsichtlich der Bewegungsmuster und daraus resultierende Wegezwecke keine allzu große Bedeutung beizumessen ist. Interessant für diesen analytischen Ansatz sind die Rasterzellen, in denen ein Großteil der Fahrten enden. Diese verteilen sich an unterschiedlichen Knotenpunkten in Düsseldorf und treten meist in geclusterter Form auf. Die Rasterzelle mit dem höchsten Wert findet sich im nördlichen Teil des Stadtbezirk 1 Zoom. Die direkte Lage zu einem größeren industriellen Areal lässt annehmen, dass der E-Scooter mit diesem Zielstandort Teil des Berufsverkehrs sind. Weitere Rasterzellen, die häufig Zielorte aus dem Zubringer-Raum sind, liegen an oder in der Nähe von Haltestellen des schienengebundenen ÖPNV. Beispiele hierfür sind Rasterzellen im nord-westlichen Teil des Stadtbezirks 1 Zoom, mehreren Teilbereichen im Stadtbezirk 6 Zoom, sowie einer Vielzahl von Rasterzellen, die entlang der ÖV-Achse im Stadtbezirk 9 verlaufen Zoom. Diese Nutzungsmuster lassen darauf schließen, dass der E-Scooter als Teil von intermodalen Wegeketten genutzt wird. Um die Bedeutung des E-Scooters für intermodale Verhaltensweise tiefergehend zu analysieren, wurde mit einem vereinfachten methodischen Ansatz die Quelle-Ziel-Beziehungen der Fahrten ausgewertet. Hierbei wurde jede Haltestelle mit einem fußläufigen Einzugsbereich von 150 m ausgewiesen und geprüft, welche Fahrten in diesen Einzugsbereichen enden. Für das Sample der fast 35.000 Fahrten sind es rund 42 %, die im direkten Einzugsbereich der Haltestellen enden. Im Vergleich dazu bewegt sich der Anteil der Fahrten in dem Gesamtdatensatz (~3,6 Millionen Fahrten) mit rund 40 % in ähnlichen Relationen.

Um diese intermodalen Verhaltensweisen zu veranschaulichen, legt die folgende Karte einen Fokus auf die stark frequentierten Einzugsbereiche der Haltestellen im nördlichen Teil des Stadtbezirks 9. Es wurden alle Fahrten gefiltert, die in den Zubringer-Räumen starteten und in die Einzugsbereiche der fünf Haltestellen führen. Anhand der Zuordnung von Start- und Zielpunkt lässt sich recht gut feststellen, dass ein Großteil der E-Scooter Fahrten zu den räumlich nächstgelegenen Haltestellen führen. Dies legt nahe, dass der Grund für die angetretene Fahrt in direkter Verbindung mit der Haltestelle und damit zu einer intermodalen Fahrt liegt. In Fällen, in denen der Ausleihstandort zwischen mehreren gleichlang entfernten Haltestellen liegt, lässt sich kein eindeutiges Muster identifizieren - hier spielen vermutlich individuelle Faktoren, wie die Routenwahl oder der weiteren Fahrtverlauf eine Rolle

Weitere Hinweise zum Wegezweck kann eine zeitliche Einordnung der Fahrt bringen. So sind E-Scooterfahrten, die wochentags zwischen 6 und 9 Uhr durchgeführt werden und zu den Einzugsbereichen von schienengebundenen Haltestellen verlaufen, deutliche Anzeichen für den intermodalen Pendelverkehr. Für das hier gezeigte Beispiel trifft dies auf Rund 830 Fahrten zu. Bei einem gesamten Datensatz von 3.050 sind das rund 27 % der Fahrten, die mit einer hohen Wahrscheinlichkeit dem intermodalen Berufs- und Bildungsverkehr zugeschrieben werden können. Doch auch nach dem Berufsverkehr bleibt die Anzahl der Fahrten zu den Einzugsbereichen der Haltestellen mit 720 (23,5 %) zwischen 9 und 16 Uhr an einem Wochentag recht hoch. Hier besteht einerseits die Möglichkeit, dass angetretenen Fahrten immer noch Teil einer intermodalen Reise sind. Andererseits besteht aber auch die Möglichkeit des Aufsuchens von Nahversorgungsstandorten im Bereich der Haltestelle. Richtung Abendzeit nimmt die Anzahl der Fahrten Richtung Haltestelle deutlich ab. Hier sind es vermutlich die entgegengesetzten Verkehre - von der Haltestelle zum Wohnstandort - die innerhalb der Woche zunehmen. Richtung Wochenende lassen sich besonders in der Tageszeit zwischen 09 und 16 Uhr bzw. 16 bis 20 Uhr viele Fahrten nachzeichnen. Diese dienen vermutlich dem allgemeinen Freizeit- oder Versorgungsverkehr Die hier aufgezeigten Wege können über ein interaktives Menü für unterschiedliche Zeiten innerhalb der Woche nachgezeichnet werden. Letztendlich muss aber auch festgehalten werden, dass ohne individuelle Informationen zu den Wegezwecken die Ergebnisse dieser Analyse nur eine Annäherung sind. Zur Verifizierung dieser Ergebnisse müssen tiefergehende Befragungen durchgeführt werden. Erste Erkenntnisse aus der User-Befragung zeigen, dass rund 35 % der Befragten den E-Scooter intermodal mit dem ÖV genutzt haben. Bei rund 13% der Befragten war es die sogenannte First-Mile, die mit dem E-Scooter überbrückt wurde. Diese Zahl ist etwas geringer als die hier dargestellten Relationen, zeigen aber welche Bedeutung der E-Scooter für die alltägliche Mobilität einnehmen kann.

Highlights

Die Bewegungsdaten zeigen, dass E-Scooterdienste

  • Entlastungen bei Großveranstaltungen bieten können.
  • Verkehrsalternativen in Zeiten bieten, in denen die ÖV-Qualität nachlässt.
  • Verkehrsalternativen in Teilräume bringt, in denen keine gute ÖV-Anbindung gegeben ist.
  • als Zubringer (First & Last Mile) im intermodalen Verkehr fungieren.