Wissenschaftlicher Diskurs
Ein Anspruch des Forschungsprojekts bestand darin, mittels systematischer Literaturanalyse den bisherigen wissenschaftlichen Kenntnisstand zu E-Scooterdiensten zu erschließen. Von besonderem Interesse ist hierbei auch, welchen Stellenwert in den Studien Multimodalität einnimmt. Grundlage für die systematische Literaturanalyse war eine Zusammenstellung englisch- und deutschsprachiger Studien anhand zentraler Suchbegriffe zu E-Scooterdiensten in den beiden Literaturdatenbanken Scopus und Google Scholar. In einem zweistufigen Auswahlprozess wurden 69 englische und 37 deutsche Veröffentlichungen für die vertiefte Analyse identifiziert. Hinzu kommen 29 Publikationen, die im Rahmen eines explorativen Verfahrens zusätzlich zur extensiven systematischen Studienauswahl einbezogen wurden. Insgesamt wurden also 128 Veröffentlichungen systematisch ausgewertet, die im Zeitraum 2019 bis Anfang 2024 erschienen sind. Im Ergebnis zeigt sich hinsichtlich der Anzahl an Veröffentlichungen, dass insbesondere die Phase der Markteinführung in Deutschland und weiteren westlichen Ländern intensiv wissenschaftlich begleitet wurde. Entsprechend hat die Anzahl relevanter Publikationen bis zum Jahr 2021 zugenommen und ist anschließend auf ca. 20 Titel pro Jahr zurückgegangen. Thematisch lassen sich über den ganzen Analysezeitraum hinweg fünf thematische Schwerpunkte identifizieren:
Zusammengefasst hat die Analyse des Forschungsstandes ergeben, dass in den meisten Arbeiten einzelne disziplinäre Perspektiven, etwa aus den Ingenieurs-, Planungs- und Gesundheitswissenschaften, überwiegen. Inter- und transdisziplinäre Arbeiten stellen bisher noch eine Ausnahme dar. In methodischer und thematischer Hinsicht stellt die Analyse von Nutzungsmustern einen wichtigen Forschungsschwerpunkt dar. Auffällig ist dabei, dass die meisten Auswertungen sich auf einzelne Wege beziehen, etwa hinsichtlich der Frage, mit welchem Verkehrsmittel die Wege zurückgelegt worden wären, wenn kein E-Scooter zur Verfügung gestanden hätte. Analysen, in denen die E-Scooter-Nutzung als Teil von inter- und multimodalen Mobilitätsmustern verstanden wird, z.B. als Option für die erste und letzte Meile in Kombination mit längeren ÖPNV-Fahrten, bleiben allenfalls eine Ausnahme. Das gleiche gilt für Arbeiten, die über Einzelfallstudien hinausgehen und stärker theoretisch-konzeptionell ausgerichtet sind und das Angebot und die Nutzung von E-Scootern in Bezug setzen etwa zu sozialwissenschaftlichen Konzepten wie Sozialisation oder sozialer Gerechtigkeit. Als vorläufiges Fazit hinsichtlich der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit E-Scootern als neuer Mobilitätsform ist festzuhalten, dass ein Potenzial für Studien besteht, die E-Scooter-Angebote in ein ganzheitliches und multimodales Mobilitätsverständnis einbetten, sowie interdisziplinär ausgerichtet und theoretisch fundiert sind.
Highlights
- Multidisziplinäre Auseinandersetzung ≠ Interdisziplinäre Auseinandersetzung: Viel Forschung zu E-Scooterdiensten innerhalb unterschiedlicher Disziplinen mit geringem Austausch
- Trip-based Research: Stärkere wegebasierte Forschung, die etwa Substitutionseffekte in den Mittelpunkt stellen, wenig theoriegeleitet sind und Multimodalitätsaspekte außen vor lassen.
- Multimodalitätsthemen unterrepräsentiert: Multimodalitätszusammenhänge oft argumentativ hergestellt, wenig empirisch untersucht.